„Steine des Gedenkens“ in der Ausstellung „Verfolgung behinderter Menschen im Nationalsozialismus“
Vom 22. August bis zum 30. Oktober 2025 zeigen die Arbeitsgruppe "Menschenbild Behinderter Gestern und Heute" des Marburger Netzwerks für Demokratie und gegen Rechtsextremismus und das Begegnungshaus KA.RE. mit Unterstützung der Universitätsstadt Marburg die Ausstellung „Verfolgung behinderter Menschen im Nationalsozialismus“. Die Ausstellung selbst besteht aus zwei Teilen: Die Wanderausstellung „Die nationalsozialistischen ‚Euthanasie‘-Morde“ dokumentiert die Vorgeschichte, Voraussetzungen und Durchführung der Patient*innenmorde im Nationalsozialismus. Dieser Teil der Ausstellung ist eine Leihgabe des Gedenk- und Informationsortes Tiergartenstraße 4 in Berlin. Der neue, Marburger Teil der Ausstellung informiert über Opfer und Täter von „Euthanasie“ und Zwangssterilisation in der NS-Zeit in Marburg und wurde von Expert*innen der AG "Menschenbild Behinderter Gestern und Heute" zusammengestellt.
Aufbauteam Bernd Gökeler und das Aufbauteam des LHW
Teil der Ausstellung ist zudem die Installation „Steine gegen das Vergessen“, die an die ermordeten Menschen erinnert, die in Marburg geboren oder hier in Heil- und Pflegeanstalten untergebracht waren. Für jedes der 333 Opfer wurde ein Gedenkstein gestaltet. Auf insgesamt 10 Metern Länge verteilen sich die Steine in gewölbtem Relief. Die Umsetzung der Gestaltung der Gedenksteine im historischen Reichsformat oblag dem Team des Lebenshilfewerks Marburg-Biedenkopf e.V. Die Metallarbeiter in den Reha-Werkstätten in der Frauenbergstraße in Marburg sorgten mittels Schablone für eine exakte Bearbeitung der Metallauflagen. Die roten Ziegelsteine im Stil der 1920er Jahre gefertigt und vielen aus Bauten der Gründerzeit bekannt, wurden dafür aus Süddeutschland angeliefert. Jeder Stein erhielt eine Namensgravur sowie die Angabe des Geburts- und Sterbedatums des „Euthanasieopfers“. Die Besucher*inne werden viele Nachnamen entdecken, die auch heute noch in Marburg geläufig sind. Sicherlich werden einige Besucher*innen die Namen ermordeter Verwandter auf den „Steinen des Gedenkens“ nachlesen. Besonders aufwühlend sind die Kindergedenksteine. Teils wurden sie mit gerade einmal drei Jahren ermordet. Die Erstellung der „Steine des Gedenkens bzw. Steine gegen das Vergessen“ war ein Projekt, das auch die Techniker und Mitarbeiter im Lebenshilfewerk bewegte. Die besondere Aufgabe, eine mobile Steinmauer zu gestalten, nahm auch die Mitarbeiter*innen der Reha-Werkstätten mit. Jens Haeise war sich nach erfolgreichem Aufbau im Ausstellungsraum des KA.RE. sicher: „Herr Weber, wenn so etwas wieder einmal ansteht, bin ich gerne wieder dabei. Es geht mir um die Sache, die ist wichtig.“ Und Julius Sicking ergänzte „Dass gerade wir als Werkstatt die Herstellung übernehmen durften, ist ein schöner Gedanke.“ Geplant ist, dass die Steine nach Beendigung der Ausstellung wieder abgebaut und dann für eine Tour durch Marburg und die Region eingesetzt werden. So hätten viele Menschen Gelegenheit, die Erinnerung an die „Euthanasie“ lebendig zu erhalten.
10 Meter „Steine des Gedenkens“
Auf die Frage nach der Notwendigkeit dieser Ausstellung antwortete Initiator Bernd Gökeler vom Netzwerk für Teilhabe und Beratung von Menschen mit Behinderung – NTB e.V., „Wir möchten ein „Lehrmal“ für heute und kein Denkmal schaffen. Es ist gesichert, dass Tötungen von Menschen mit verschiedensten Behinderungen während der Zeit des Nationalsozialismus durch Marburger*innen veranlasst wurden. Hier in Marburg wurden diese Entscheidungen getroffen. Die Menschen wurden nach Hadamar gebracht, das als Entwicklungsbereich für die Tötung mittels Gas für das KZ in Ausschwitz diente.“ und ergänzt „Menschen mit Behinderung sind Menschen, deshalb lautet der Titel unserer Arbeitsgruppe "Menschenbild Behinderter Gestern und Heute".
Vertikal Gesamtlänge
Die Realisierung der „Steine des Gedenkens“ war auch dank der Unterstützung der Ortsvereine der Lebenshilfe aus Marburg und Biedenkopf möglich. Das Team vom Lebenshilfewerk Marburg-Biedenkopf e.V. wünscht sich für die Zeit nach der aktuellen Ausstellung, dass die mobile Steine-Installation auf Reise geht und viele Besucher öffentlicher Orte oder auch von Unternehmen die Möglichkeit erhalten, sie zu sehen.
Lebenshilfe Ortsverein Marburg e.V. und Vorstand Lebenshilfewerk Marburg-Biedenkopf e.V. (von links nach rechts: Andreas Beck (LHW), Armin Herzberger, Ria Matwich, Friedhelm Klös)
Alle Fotos: LHW
Ausstellungsort:
KA.RE. Marburg
Donnerstags bis sonntags von 16 bis 20 Uhr - der Eintritt ist frei.
Biegenstraße 18 35037 Marburg
info@kare-marburg.de
T: 0 64 21 16 95 71 25
Das Programm zur Ausstellung ist hier einsehbar: https://marburgmachtmit.de/page/eugenik
Ergänzende Informationen:
Weitere Informationen:
https://gedenkort-t4.eu/ ist eine Informationsplattform in Gedenken an die geistig behinderten Opfer der „NS-Euthanasie“ während der Zeit des Nationalsozialismus mit Perspektive auch auf die Sicht der Angehörigen von Ermordeten und die Bedeutung der Zwangssterilisation. Seit 2014 ergänzt die Gedenkstätte an der Adresse Tiergartenstraße 4 in Berlin das Gedenken (seitlich der Berliner Philharmonie gelegen).
Kontakt:
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Lebenshilfewerk Marburg-Biedenkopf e.V.
Franziska Wagner
oeffentlichkeitsarbeit@lebenshilfewerk.net
T:0 64 21 80 09 919
www.lebenshilfewerk.net
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„Steine des Gedenkens“ in der Ausstellung Verfolgung behinderter Menschen im Nationalsozialismus
Vom 22. August bis zum 30. Oktober 2025 zeigen die Arbeitsgruppe „Menschenbild Behinderter Gestern und Heute“ des Marburger Netzwerks für Demokratie und gegen Rechtsextremismus und das Begegnungshaus KA.RE mit Unterstützung der Universitätsstadt Marburg die Ausstellung „Verfolgung behinderter Menschen im Nationalsozialismus“. Die Ausstellung hat zwei Teile:
- Die Wanderausstellung „Die nationalsozialistischen ‚Euthanasie‘-Morde“ erklärt die Vorgeschichte, Gründe und Durchführung der Patient*innenmorde im Nationalsozialismus. Dieser Teil stammt aus dem Gedenkort Tiergartenstraße 4 in Berlin.
- Der neue Marburger Teil der Ausstellung erzählt von den Opfern und Tätern von Euthanasie und Zwangssterilisation in Marburg. Er wurde von Expert*innen der AG „Menschenbild Behinderter Gestern und Heute“ zusammengestellt.
Teil der Ausstellung ist auch die Installation „Steine gegen das Vergessen“. Sie erinnert an die ermordeten Menschen, die in Marburg geboren wurden oder hier in Heil- und Pflegeanstalten waren. Für jedes der 333 Opfer gibt es einen Gedenkstein. Die Steine liegen auf einer 10 Meter langen, gewölbten Fläche. Die Gestaltung der Steine übernahm das Lebenshilfewerk Marburg-Biedenkopf e.V. Die Metallaufgaben wurden von den Reha-Werkstätten in der Frauenbergstraße in Marburg gemacht. Die roten Ziegelsteine im Stil der 1920er Jahre kamen aus Süddeutschland. Jeder Stein hat den Namen und das Geburts- und Sterbedatum des Euthanasie-Opfers.
Die Besucherinnen und Besucher werden viele Nachnamen wiedererkennen, die es heute noch in Marburg gibt. Manche lesen die Namen ermordeter Verwandter auf den Steinen nach. Besonders berührend sind die Kindergedenksteine. Manche Kinder wurden erst drei Jahre alt.
Die Steine wurden von vielen Menschen im Lebenshilfewerk geschaffen. Die Reha-Werkstätten halfen auch beim Aufbau einer mobilen Steinmauer. Jens Haeise sagte nach dem Aufbau: „Wenn so etwas wieder passiert, helfe ich gern mit.“ Julius Sicking meinte: „Dass wir als Werkstatt die Herstellung übernehmen durften, ist schön.“
Geplant ist, die Steine nach Ende der Ausstellung abzubauen und auf Reisen durch Marburg und in die Region zu gehen, damit viele Menschen sich daran erinnern können.
Zur Frage, warum diese Ausstellung wichtig ist: Bernd Gökeler vom NTB e.V. sagt, es soll kein Denkmal, sondern ein Lehrmal sein. Tötungen von Menschen mit Behinderungen gab es in der NS-Zeit auch in Marburg. Die Menschen wurden nach Hadamar gebracht, das als Ort für Tötungen diente. Die Gruppe heißt „Menschenbild Behinderter Gestern und Heute“, weil behinderte Menschen auch heute wichtig sind.
Die Steine des Gedenkens wurden mit Unterstützung der Ortsvereine der Lebenshilfe aus Marburg und Biedenkopf möglich. Das Team des Lebenshilfewerkes wünscht sich, dass die mobile Steine-Installation nach der Ausstellung weiter reist.
Ausstellungsort: KA.RE. Marburg Donnerstag bis Sonntag, 16–20 Uhr, Eintritt frei Biegenstraße 18, 35037 Marburg info@kare-marburg.de T: 0 64 21 16 95 71 25 Programm: https://marburgmachtmit.de/page/eugenik
Weitere Informationen: https://gedenkort-t4.eu/ ist eine Informationsplattform zum Gedenken an die geistig behinderten Opfer der NS-Euthanasie. Die Gedenkstätte Tiergartenstraße 4 in Berlin ergänzt das Gedenken seit 2014.